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Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet |
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| Sendetermine: | DLR - Mittwoch, 14. Jan 2026 22:05, (angekündigte Länge: 55:00)
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| Autor(en): | Tucké Royale | ||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Auch unter dem Titel: | Ein jüdisch-queeres Rachemusical (Untertitel) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Produktion: | RBB 2024, 55 Min. (Stereo) - Bearbeitung Theater | ||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Regie: | Tucké Royale | ||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Komponist(en): | Angy Lord Ted Gaier Yuriy Gurzhy Paula Sell Tucké Royale | ||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Ton: Bodo PasternakTon: Eileen DibowskiRegieassistenz: Eunike KramerDramaturgie: Juliane Schmidt | |||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Inhaltsangabe: | Über die „Rattenlinie“ geflohen, sind nach 1945 viele der maßgeblichen NS-Verbrecher einer Bestrafung entgangen – Eduard Roschmann, der „Schlächter von Riga“, oder SS-Hauptsturmführer Erich Priebke verbrachten einen geruhsamen Lebensabend in Lateinamerika. Doch in diesem Hörspiel werden sie bestraft – mit Dolores haben sie nicht gerechnet! Vermeintlich als Junge und Mädchen in Galizien geboren, erobern Dolores und ihre Schwester Ida – Elevinnen der Ballettschule Riga – die Bühnen der Welt. Ihren langen Beinen erliegen die Fans aller Couleur. Dann drohen NS-Diktatur und Krieg ihren Karrieren ein Ende zu machen. Doch Dolores lässt sich nicht als Opfer zur Schlachtbank führen. Sie kämpft – hier ein Nazi erdrosselt, dort eine Nazisse in die Luft gesprengt. Dolores will und wird überleben. Denn schließlich muss es eine geben, die die Geschichte repariert und die Eduard Roschmanns und Erich Priebkes ihrer gerechten Strafe zuführt. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Expertenkommentar: | Die Begründung der Jury Argentinien, Buenos Aires. Eine Figur namens Dolores, jüdisch, antifaschistisch, tanzt Tango mit Nazi-Größen, die hier gelandet sind – unter ihnen Eduard Roschmann alias Federico Wegener, auch bekannt als «Schlächter von Riga». Roschmann, so die historische Realität, ging den Nazijägern bis zuletzt durch die Lappen und schaffte es immer wieder, unbehelligt zu bleiben, bevor er 68-jährig in Paraguay starb. Nicht so in diesem «jüdisch-queeren Rachemusical» von Tucké Royale. Da «fällt» Roschmann auf dem Weg zur Toilette «an die zehn Mal» in Dolores’ Messer. Meisterhaft wird bedient, was dem Hörspiel eigen ist: Mit Wort und Musik das «Kopfkino» zu aktivieren, brutal und leichtfüßig zu erzählen, was an Brutalität fürs Auge schwer erträglich wäre. Dolores hat sich nämlich auf die Ermordung deutscher Judenmörder spezialisiert und ist darin äußerst erfinderisch, während sie sich in Argentinien oder im Berliner Nachtleben als Tänzerin tummelt: etwas Arsen im Cocktail hier, ein blutig endender Garderobenbesuch eines Verehrers dort. Das Hörstück, dessen Inhalt 2017 als Stück auf die Berliner Bühne des Maxim-Gorki-Theaters kam und das von einer Recherche zum russisch-polnischen Tänzer und Aktivisten Sylvin Rubinstein inspiriert wurde, stellt auf saftige, bewusst blutrünstige Art die jüdische Ohnmacht und Machtlosigkeit auf den Kopf und gibt der größtenteils ungelebten Realität jüdischen Widerstands gegen Massentötung und nationalsozialistische Quälereien in einer fiktiven Story Raum. Dies in der Absicht, das Trauma zu ertragen und Geschichte, wenigstens an ihren Zipfeln, umzudeuten zwecks Ermächtigung Millionen meist Machtloser. Über all dem schwebt die tragende, rauchige Stimme jener großartigen Dolores, der wir ihre Performance abnehmen als alles verschlingender Racheengel. Mal unschuldig, mal triumphierend spricht Thea Ehre die Hauptfigur mit Stolz, Verspieltheit und abgeklärtem Durchblick. Dolores’ Treiben folgen wir gerne, ihrem «Ein-Mann-Geheimdienst im Frauenkörper», «einer Variation der Natur», wie der Berliner Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld betreffend ihres Frauseins im Zwitterkörper zitiert wird. Wir folgen Dolores gerne, vielleicht, weil sie so wunderbar die Hüften schwingt und göttlich singt. Aber auch, weil ihre zartere Schwester Ida ins Konzentrationslager deportiert wird und ihr Zwilling vermuten muss, dass sie dort stirbt. Ohne Gegenwehr, ohne Kampf und Stimme – wie so unendlich viele andere mit ihr. Indem Ida im Epilog ihre Flucht aus dem Zug ins Lager beschreibt, ihren bewaffneten Widerstand gegen die SS, ihr späteres Tanzen in einem selbst gegründeten Theater im Kibbuz bis die Knochen nicht mehr wollten, korrigiert Royale die Wahrscheinlichkeit von Biografien, die ein unmenschliches Ende gefunden haben. Die Jury lässt sich vom blutigen, zugleich rasanten und lustvollen «Kampftanz» Tucké Royales mitreißen, mit dem der Künstler eine «ästhetische Verdrängung der Realität», eine «Neue Selbstverständlichkeit» anstrebt und die alternative Geschichtsschreibung zur machtvollen Behauptung werden lässt. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Mitwirkende: |
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| Preise / Auszeichnungen: | Hörspiel des Monats 06 2024 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||
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